Missing you

Ich weiß nicht, wie viel von der Story bekannt ist, oder wer diesen Text hier überhaupt entdecken, geschweige denn lesen wird. Ich möchte auch nicht, dass der Text großartig publik wird … aber wenn ihr Leute habt, die mit ähnlichen Gedanken struggeln, teilt ihn meinetwegen.

Content Warning: Suizid, Gewalt, Vergewaltigung, ein Haufen Trauer

Im Oktober/November 2023 hat sich meine Schwester das Leben genommen, vermutlich mittels Tabletten (den Obduktionsbericht habe ich von meinem weiblichen Elternteil leider nie erhalten). Mir ging es damals selbst nicht so gut, die ganze Beerdigung war rein von der Organisation ein Desaster. Mein Erzeuger wollte das Ganze wohl schnellstmöglich hinter sich bringen, wofür auch ein ordentliches Grab organisieren. Mein weiblicher Elternteil war da hingegen näher bei mir, aber so richtig akzeptieren konnten beide nicht, dass meine Schwester trans war. Entsprechend steht auch ihr Deadname auf dem Grabstein, und dank mir immerhin der Anfangsbuchstabe ihres richtigen Namens, aber mehr nicht. Es tut mir leid, dass ich damals nicht mehr tun konnte.

Zu dem Zeitpunkt haben dann auch meine traumabehafteten Träume angefangen. Seit fast drei Jahren träume ich so gut wie jede Nacht von ihr, und manchmal mehr, manchmal weniger gewaltvollen Szenen, Übergriffen seitens meines Erzeugers, Transfeindlichkeit, manchmal auch durch meinen weiblichen Elternteil, selten auch Szenen einer Vergewaltigung. Nichts davon ist so in der Realität je passiert, auch wenn alle Elemente der Träume aus der Realität stammen, nur anders zusammengesetzt.

Dank der wenigen Sitzungen Traumatherapie im März dieses Jahres haben sich die Träume immerhin ein wenig gebessert. Bis dahin starb meine Schwester jeden Tag im Traum, meistens durch meinen Erzeuger, gelegentlich auch durch meinen weiblichen Elternteil, selten durch Suizid, manchmal auch, weil ich zu langsam war, sie zu retten.

Mittlerweile sind die Träume mehr Abenteuer. Ich träume weiterhin jede Nacht von ihr, aber sie überlebt (meistens). Dafür stirbt jetzt so gut wie immer mein Erzeuger, gelegentlich auch mein weiblicher Elternteil, aber weder er noch sie durch meine Schwester. Manchmal allerdings durch mich.

Jeden Tag, wenn ich aufwache, ist sie dann plötzlich wieder weg. Das Einzige, was bleibt, sind Erinnerungen an das, was wir real erlebt haben, und die surrealen Abenteuer, die wir weiterhin in meinen Träumen erleben.


Dieses Jahr wärst du 30 geworden. Ich kann mich auch noch gut an meinen 30. Geburtstag erinnern, und zugegeben, vielleicht wäre es besser gewesen, den nicht zu erleben. Unserem Erzeuger war es as usual scheißegal, ich denke er hat ihn schlicht vergessen. Ich kann mich noch erinnern, dass unser weiblicher Elternteil mir Hochprozentiges geschenkt hat. Dabei trinke ich für gewöhnlich keinen Alkohol, schon gar nichts Hochprozentiges. Mochte ich noch nie, aber gut, wie kann ich auch erwarten, dass meine Eltern mich nach 30 Jahren kennen. Mein damaliger Arbeitgeber hat mich mit seiner Queer- & Transfeindlichkeit kurz vorher dazu gebracht, mich krankschreiben zu lassen, was später dann zur Arbeitsunfähigkeit führte. Wenn ich so nachdenke, die einzigen Personen, die damals da waren, waren eine Freundin aus meinem Heimatort, und ein gewisses Füchschen (wenn auch nicht direkt an meinem Geburtstag), das auch auf deiner Beerdigung war.

Nach meinem Geburtstag wurde es dann allerdings besser, und ich wünschte, ich hätte dich mehr motivieren können, zu leben, und einmal mitzukommen zu allem, was ich von meinem Geburtstag bis zu deinem Suizid erlebt habe. Ich hätte dir gerne den Trans-Ident gezeigt, dessen Leitung ich in Regensburg mittlerweile übernommen habe. Der Hackspace hätte dir mit Sicherheit auch gefallen, zumindest anfangs. Vielleicht erinnerst du dich auch noch, wie ich das erste Mal im Rock draußen unterwegs war, und was ich alles erlebt hatte an Chaos-Events, inklusive der Geschichten, die du vermutlich im Detail gar nicht so genau hören wolltest.

Es ist auch unglaublich schade, dass du das SBGG nicht mehr miterlebt hast. Dank dir habe ich nun auch einen dritten Vornamen, den viel zu wenige kennen, und ja, der war durch dich inspiriert.

Wie auch immer, ich wünschte, ich hätte damals mehr für dich da sein können, kleine Schwester. Fühlt sich scheiße an, noch zu leben, während eine der wichtigsten Personen meines Lebens verbrannt wurde. Leider nicht so ganz auf die Art, wie du es gerne gehabt hättest. Es ist etwas schwer, eine Wikingerbeerdigung zu organisieren, vor allem im tiefsten Bayern.

Ich vermisse dich, Liara.

😞